Collegium Vocale Gent, Royal Flemish Phil., P. Herreweghe (2009)
Erst die Sau rauslassen, dann Askese üben: Das wäre, kurz und grob, der Weg vom dionysisch-wilden „Sacre“-Strawinsky zum sakrisch gezügelten Apolliniker, den mit Adorno nicht wenige schlicht für einen Langweiler halten. Demgemäß stehen auch die hier eingespielten Werke unter dem Generalverdacht spröder Trockenübungen. Doch Philippe Herreweghe, geschult in Historischer Aufführungspraxis, erkennt in ihnen anderes: ingeniöse und bisweilen durchaus irritierende Anverwandlungen archaischer Modelle. So zeichnet im exzellenten, räumlich aufgefächerten Klangbild der SACD eine treffliche Balance von klarer Linie und metrischem Impuls die Interpretation der Psalmensinfonie aus. Der psalmodierende oder deklamierende Chor ist bestens in die Orchestertexturen eingebunden (schließlich handelt es sich um eine Sinfonie und keine Kantate), und die finale Anti-Klimax klingt hier weniger nach Eiapopeia vom Himmel als nach provokativer Desillusionierung.
Kompakt
Künstler: Collegium Vocale Gent, Royal Flemish Phil., P. Herreweghe (2009)
Richtung: Sinfonik
Medium: CD
Vertrieb: PentaTone PTC 5186 349 (50:47, SACD)
Die beiden späteren Stücke – „Monumentum“ für (und nach) Gesualdo sowie die Choral-Variationen nach Bachs kanonischen Veränderungen über „Vom Himmel hoch“ – gleichen dank der Präzision und Leuchtkraft der Klangfarben eher Analysen der Originale als bloßen Bearbeitungen. In der Messe blitzen kesse Momente auf, in denen sich die gestrenge Sakralmusik selbst die Zunge herauszustrecken scheint.
Dank Herreweghes scharfsichtiger, akzentuierter und dynamischer Lesart wirken diese Werke wie eine geradezu surreale Begegnung der Zeiten: verfremdend statt fad.
Kleines Spiel für zwischendurch

