Diverse Interpreten
A Complete Introduction To Chess
Eine kurze Geschichte der populären Musik
Böse Zungen könnten behaupten, dass Leonard und Phil Chess eine Art Blaupause für nach ihnen kommende Plattenfirmenbosse waren. Denn an der Musik an sich waren die Geschäftsmänner aus Chicago kaum interessiert. Sie stellten nur fest, dass die Delta-Blues-Künstler, die in ihren Nachtclubs auftraten, für große Furore sorgten. Und dass niemand deren Musik auf Platte festhielt. Schon die erste Aufnahme („I Can‘t Be Satisfied“ von Muddy Waters 1948) verkaufte sich 3.000 Mal am ersten Verkaufstag. Der Beginn einer fast 30-jährigen Geschichte eines wirkungsmächtigen Labels, derer nun mit dem fein gestalteten Vier-CD-Boxset „A Complete Introduction To Chess“ gedacht wird.
Kompakt
Künstler: Diverse Interpreten
Richtung: Rock`N`Roll/Blues/Soul
Medium: CD
Vertrieb: Chess / Universal (302:41)
Wenn auch nicht streng chronologisch angeordnet, so wird hier nicht nur die Genre-Diversifikation von Chess, sondern – quasi auf ein Label verdichtet – auch die Geschichte der populären Musik in Kurzform nacherzählt. Allein die Tatsache, dass CD eins mit „Rocket 88“ von Jackie Brenston, das vielen Historikern als erster Rock‘n‘Roll-Song gilt, eröffnet wird, spricht Bände. Auch weitere der versammelten (Rhythm &-)Blues-Künstler wie Muddy Waters, Howlin‘ Wolf, John Lee Hooker, aber auch Chess-Berater Willie Dixon sind aus der Rockgeschichte nicht wegzudenken.
So wie Letzterer den Blues-Sound des Labels mitprägte, so war es Songwriter/Produzent Billy Davis, der das Augenmerk des Labels in Richtung der sich aus dem R&B langsam entwickelnden Soul- und Doo-Wop-Musik verschob. Zwar lange nicht so bedeutsam wie ihre Kollegen bei Motown und Stax, gehörten Künstler wie Etta James, The Corsairs und Harvey And The Moonglows doch zu den Pionieren der Genres. Nachzuhören – neben dem weiter andauernden Siegeszug des Rock‘n‘Roll (Chuck Berry, Bobby Charles, Dale Hawkins) – auf den CDs zwei und drei.
Genauso wie sich Soul Ende der 60er-Jahre transformierte, so auch Chess: Der letzte Silberling versammelt die wegweisende Psychedelik von Rotary Connection ebenso wie Schlafzimmer-Soulster Solomon Burke. Jener sollte auch das letzte neue Signing des Labels sein, das 1975 dichtmachte. Zugegeben: Rein klanglich – aufgrund des Alters vieler Aufnahmen – sicher keine ganz große Offenbarung, dennoch ein feines Geschichtskompendium. Auch wenn dies vielleicht nicht die ursprüngliche Absicht der Chess-Brüder war.
Sicher keine audiophile Meisterleistung, dafür aber ein fein kompiliertes Set für interessierte Musikliebhaber, die an Pop- und Rock-Zusammenhängen interessiert sind.
Kleines Spiel für zwischendurch

