Attila Csampai

23. Februar 2010
Tipp Elisabeth Kulman, Amarcord Wien (2009)
© Material Records 027-2 (56:30) www.kulman.info

Klassik

Elisabeth Kulman, Amarcord Wien (2009)

Das Sensations-Debüt

  • Musik 5.0/5
  • Klang 5.0/5

Erst vor Kurzem wurde Bariton Christian Gerhaher für seinen neuen hochintelligenten Ansatz bei Mahlers Liedern (siehe stereoplay 12/09) gelobt. Jetzt hat Wiens neuer Mezzo-Star Elisabeth Kulman eine Auswahl von 13 Mahler-Liedern in eigenen Bearbeitungen herausgebracht und mit dem „Amarcord“-Quartett in eigenwilliger Besetzung (Akkordeon, Geige, Cello, Kontrabass) eingespielt.

Kompakt

Künstler: Elisabeth Kulman, Amarcord Wien (2009)
Richtung: Klassik
Vertrieb: Material Records 027-2 (56:30) www.kulman.info

Ein ebenso mutiges wie extravagantes Debüt-Album: Kulman hat die wirklichen musikalischen Wurzeln Mahlers mit entwaffnender Geradlinigkeit freigelegt, dabei den schlichten, natürlichen Tonfall seiner Lieder mit einer solchen unerschütterlichen Souveränität getroffen, dass man vom ersten Takt (bis zur letzten Note) völlig gebannt ist von der unwiderstehlichen, sogartigen Aura ihres in jeder Hinsicht perfekten Vortrags. In ihrem wunderbar fokussierten, runden und kultivierten Mezzo (der in der Höhe schönsten Sopranklang entfaltet) vereint sie lyrisch strömendes Legato mit glasklarer, niemals manierierter Artikulation; tiefgründig leuchtet sie die semantisch-poetischen Inhalte der Texte aus. Hier erweist sich der gefeierte Opernstar auch als eine hinreißende „Sirene" des Liedes.

Der bizarr-grummelnde, über weite Strecken unheimliche instrumentale Subtext, den die vier Mahler-erprobten Wiener Musiker von „Amarcord" hintergründig raffiniert und zugleich volkstümlich-zünftig als „authentischen Bodensatz" darunterlegen, trägt natürlich ganz entscheidend zum faszinierend wahrhaftigen Gesamteindruck dieser genialischen Mahler-Travestie bei: Im „Adagietto" aus der fünften Sinfonie, das hier quasi als „Lied ohne Worte" gespielt wird, weicht dann alle süße Morbidität bitterem Abgrund. Und danach, am Ende, wird es auch im „Wirtshaus" sehr besinnlich, sehr ernst und philosophisch, und man kommt gar ins Grübeln, ob der gefeierte Kosmopolit Mahler tief drin doch nicht viel „wienerischer“, „österreichischer“, „kakanischer" empfand als wir bisher dachten.

Dieses wunderbare, auch akustisch vorzügliche Album verströmt jedenfalls viel vom „Geist" der untergehenden Donaumonarchie: Es macht süchtig und betroffen.


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  • Musik 3.00/5
  • Klang 3.00/5

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