Lazic, Atlanta Symphony Orchestra, Spano (2009)
Ein neues Klavierkonzert von Brahms?
Kann man (und darf man) ein solch populäres Meisterwerk wie Brahms’ Violinkonzert 130 Jahre nach seiner Niederschrift einfach in ein Klavierkonzert verwandeln? Oder haben nicht auch musikalische Werke eine unantastbare Identität? Das waren meine ersten Gedanken, als ich Dejan Lazics neue SACD mit der Aufschrift „Piano Concerto No.3" in der Hand hielt. Schon nach dem ersten Satz waren meine Zweifel schnell verflogen, denn hier hat sich ein junger, hochbegabter Pianist mit ernsthaften kompositorischen Ambitionen und großem Geschick der schier unlösbaren Herausforderung gestellt und in einem fünf Jahre (!) währenden Arbeitsprozess das unbequeme Violinmonstrum in ein ähnlich symphonisch geprägtes Klavierkonzert umgeschrieben. Als „Inspirationsquellen" nennt Lazic Beethoven und Bach, die hätten ja Ähnliches mit ihren Violinkonzerten angestellt. Wer beispielsweise die Klavierversion von Beethovens Violinkonzert kennt, wird überrascht sein, wie einfühlsam, stilsicher, pianistisch phantasievoll und dabei hochgradig skrupulös der 32-jährige Kroate den zumeist einstimmig-melodiösen Violinpart für die Hände des Pianisten erweitert hat – nämlich so behutsam, dass man nur an wenigen Stellen über die schwächere Ausdruckskraft des Klaviers irritiert ist. Doch der Grundcharakter des Werks bleibt gewahrt, so sehr gewahrt, als sei es eine Eigenbearbeitung von Brahms.
Kompakt
Künstler: Lazic, Atlanta Symphony Orchestra, Spano (2009)
Richtung: Klassik
Vertrieb: Channel Classics CCS SA 29410 (SACD, 66:10)
Natürlich versucht Lazic auch als Interpret, durch expressive Agogik und abgetöntes Spiel zu kompensieren, dass die Kantabilität des Violinklangs für einen Pianisten unerreichbar ist; und es gelingt ihm, mit seiner wunderbaren eigenen Kadenz den großen lyrischen Bogen zu spannen. Das Atlanta Symphony Orchestra unter Robert Spano steuert den originalen Orchesterpart zu diesem gelungenen Experiment mit eher amerikanisch anmutender Klangsinnlichkeit bei und gibt sich dabei so abgeklärt und professionell, dass man den Livemitschnitt für ein Studioprodukt halten könnte.
Auf alle Fälle hat Lazics „drittes" Brahms-Konzert ein Weiterleben in europäischen Konzertsälen verdient, und es könnte auch für andere Pianisten interessant sein. Brahms hätte es bestimmt gefallen.


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