Klassik
Yevgeny Sudbin, North Carolina Symphony, Grant Llewellyn (2008)
Der unterschätzte Fingerbrecher
Sergej Rachmaninoffs viertes Klavierkonzert zählt zu den absoluten Raritäten des Konzertsaals, und die Originalfassung von 1926 gilt sogar gemeinhin als „obskure Kuriosität“. Dabei ist es die beste und reifste seiner konzertanten Arbeiten, aber eben nicht ganz so eingängig und süffig-melodiös wie seine ersten drei Konzerte. Aus diesem Grund wird es auch von seriösen Pianisten meist gemieden.
Kompakt
Künstler: Yevgeny Sudbin, North Carolina Symphony, Grant Llewellyn (2008)
Richtung: Klassik
Vertrieb: BIS 1728 (74:23, SACD) www.yevgenysudbin.com
Mit Recht beklagt Yevgeny Sudbin, der 35-jährige Wahl-Brite aus St. Petersburg, dieses Missverständnis in seinem intelligenten Booklet-Text. Mit dem hervorragend disponierten und hochmotivierten Sinfonikern aus North Carolinas Hauptstadt Raleigh (dirigiert von dem jungen Waliser Grant Llewellyn) hat Sudbin eine so virtuos-zündende, in jedem Takt fesselnde Interpretation des (auch von Kritikern) immer wieder geschmähten Fingerbrechers vorgelegt, dass man eine halbe Stunde lang gebannt zuhört und sich nicht erklären kann, warum dieses kühne und einfallsreiche Opus bis heute so unterbewertet wird.
Allein die rhythmische Fantasie und die magischen Klänge, die Rachmaninoff hier in den 20er-Jahren aus der noch lange nicht erschöpften Tonalität herauszaubert, machen es zu einem fantastischen und bekenntnishaften Meisterwerk, das selbst an abgebrühte Virtuosen höchste Ansprüche stellt und wirklich sehr „sophisticated" klingt.
Wie Rachmaninoff hielt auch Nikolai Medtner (geboren 1880, gestorben 1951) bis zuletzt an seinem spätromantischen Idiom fest. Journalisten verpassten ihm das Etikett „Russischer Brahms“. Medtner war mit Rachmaninoff befreundet, verließ ebenfalls in den 20er-Jahren seine Heimat und lebte ab 1936 in London. Sein zweites Klavierkonzert, ebenfalls 1926 entstanden, ist eine echte Entdeckung, und in Sudbins gleichermaßen suggestiver und souveräner Interpretation kommt die stilistische Eigenart des Moskauer Komponisten hervorragend zur Geltung.
Einmal mehr ist es den Produzenten des Labels BIS gelungen, große Kunst und erstklassigen Klang auf einer SACD zu vereinen. Das 69-köpfige North Carolina Symphony Orchestra entwickelt in der akustisch exzellenten Meymandi Concert Hall einen betörenden Klangfarbenreichtum. Und auch den Meistern hinter den Tonreglern – Marion Schwebel und Andreas Ruge – gebührt höchste Anerkennung für ihren wunderbar klar fokussierten, farbenprächtigen Mehrkanalsound, der das Wohnzimmer zum Orchestersaal werden lässt.







