
Made in Germany: Elrog ER 845
Lange wurden Verstärkerröhren nur in der Ferne gefertigt. Jetzt gibt es wieder ein deutsches Produkt, ein wunderschönes dazu!
Die letzten deutschen Serienröhren wurden wohl in Telefunken-Werken in Ulm, um Ulm und um Ulm herum gebaut. Das war vor 50, 60 Jahren. Es gibt auch zahlreiche Rentner, die das entsprechende Herstellungswissen besitzen. Doch einen netten Plausch über die von Musikern und HiFi-Fans so geliebten Glaskolben lehnen diese in der Regel ab. Sie erinnern sich nur ungern an eine wahrhaft eisen- und glasharte Arbeit, an künstlich befeuchtete Räume mit Schweiß- und Chemiegeruch und an ewig lange Röhren-Versuchsreihen.
Die Kontrolle der fertigen Röhren erledigt Elrog-Chef Dr. Ing. Klaus Schaffernicht selbst. Mit der Herstellung extrem leuchtkräftiger Bildröhren rettete der einstige Telefunken-Mann Röhren-Know-how über die Zeit.
Davon bekam die Öffentlichkeit nichts mit, denn die Kunden hießen nicht Maier oder Schmidt, sondern Boeing, McDonnell Douglas oder Panavia. Diese Firmen bestellten Bildröhren, die auch bei intensiver Sonneneinstrahlung noch klare Konturen zeigten. Und als Schaffernicht mit seiner Marke Elrog umgehend liefern konnte, wurden diese mit enormer Leuchtkraft versehenen Glaskolben nicht fürs Wohnzimmer-Vertigo produziert, sondern unter anderem in Awacs-Überwachungsjets, in Phantom F4 und Tornados eingebaut.
Susanne Klinkenberg, für die Systemmontage der Elrog-Röhren verantwortlich, kontrolliert einen Kathodenfaden unterm Mikroskop. Nach komplexer Hitzebehandlung emittiert dieser ein ganz bestimmtes Elektronenquantum.
Der Allround-Techniker Alexander Litau schweißt den das Röhrensystem tragenden Boden mit dem Glaskolben zusammen. Im Ofen hinten werden die Röhren sorgsam so lange temperiert, bis Verspannungen verschwinden.
Zum Glück für die Musikliebhaber fertigen fleißige fernöstliche Hände der Urform mehr oder minder ähnliche Replika. Auf Cayins Drängen ergab sich auch Schaffernicht dem Schicksal. Seine Röhren – als erstes eine ER 845 – sollten aber kein Spielzeug, sondern Hightech-Produkte sein.
Das erforderliche Jenaer-Glas und die Durchführungsstifte mit dem richtigen Ausdehnungs-Koeffizienten befanden sich schon im Schrank, die CAD-gefräste Grafit-Anode war schnell bestellt. Allein um die Behandlung der direkt geheizten Kathode zu beschreiben, wäre aber leicht ein Buch zu füllen. So wird der Wolframdraht, der ein bestimmtes Quantum Thorium enthalten muss, unter Luftausschluss zunächst mit Benzindampf gequält. So lange, bis sich eine Carbid-Schicht bildet, die einerseits bei Hitze eine gewisse Diffusion erlaubt und andererseits eine hauchzarte Thorium-Benetzung beim Elektronensturm gut festhalten kann.
Es brauchte dann nur noch ein Steuergitter aus dem richtigen Draht mit der korrekten Wendelsteigung (plus eine Messingfassung, bis es spezielle Sockel gibt). Dann konnte die deutsche 845 loslegen.
Besser gesagt: losfetzen. Denn was stereoplay unter Mithilfe der Cayin-Monoblöcke 9088 D von Ausgabe 6/04 hören durfte, kommt einem Durchbruch gleich. Mit den Alt-845 klang‘s schon abgehoben, lebendig, unendlich filigran.
Nach der Umbestückung auf die Elrogs konnten die Endstufen einige Fesseln mehr abwerfen. Klavieranschläge kamen noch viel unmittelbarer, Trommelschläge gelöster, trockener und brisant genauer auf den Punkt. Stimmen erschienen lebendiger, klarer. Die 9088-D-Endverstärker, die offenbar von Haus aus mit den neuen Röhren harmonieren, nahmen bald dankend eine neue Bewertung von 60 Punkten an.
Nach der Schaffernicht-Vorleistung beeilt sich Cayin nun, auch einen großen Vollverstärker auf die ER 845 hin zu optimieren (der linke Amp auf dem Aufmacher) – stereoplay freut sich schon sehr drauf!
Made in Germany: Elrog ER 845
1 von 5Ur-845er vs. Elrog ER 845
Der 845-Oberbau
Bei der in Grundzügen Ende der Zwanziger entwickelten Ur-845 (links) befindet sich das Röhrensystem oben im Kolben. Dank kurzer Anschlussdrähte sitzt das System bei der ER 845 unten, oben bleibt‘s leer.
Füße am Boden
Die Anschlussdrähte in ein Glasrohr fädeln und beim Quetschen zusehen, dass sie sich nicht berühren: 845 as usual. Die Elrog hat einen zeitgerechten Pressglasboden.
Sockel nur zwecks Austausch
Bei der alten 845 hält der Sockel Leib und Seele zusammen. Die stabilere 440-Euro-Elrog arbeitet mit höherem Vakuum und vor allem ohne die geringste Spur von Methan.
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